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Nach der Anschlagsserie am Stromnetz: Netzbetreiber wollen Drohnen zur Kontrolle einsetzen – und dürfen es nicht
Der mutmaßliche Angreifer auf mehrere Umspannwerke sitzt in Untersuchungshaft. Übertragungsnetzbetreiber fordern nun das Recht, ihre Hochspannungstrassen regelmäßig mit Drohnen abzufliegen – bislang scheitert das an Luftrecht und Datenschutz.
Der mutmaßliche Angreifer auf mehrere Umspannwerke sitzt seit Mittwoch in Untersuchungshaft. Für die Drohnen-Debatte ist der Fall aus einem anderen Grund bedeutsam: Übertragungsnetzbetreiber fordern nun ausdrücklich das Recht, ihre Hochspannungstrassen regelmäßig mit Drohnen abzufliegen – bislang scheitert das an Luftrecht und Datenschutz. Damit rückt eine Seite der Drohnendebatte in den Blick, die in den Diskussionen über Abwehr und Abschuss meist untergeht: die Drohne als Schutzsensor.
Der Stand der Ermittlungen
Nach Angaben der Polizei wurde ein 48-jähriger Tatverdächtiger am Dienstag, 8. September, bei einem Großeinsatz in der Nähe des Kraftwerks Weisweiler bei Aachen festgenommen; er habe keinen Widerstand geleistet. Grundlage war ein Haftbefehl des Amtsgerichts Cottbus vom 4. September. Am Mittwoch wurde der Haftbefehl eröffnet, der Beschuldigte kam in Untersuchungshaft; perspektivisch soll er in eine Justizvollzugsanstalt in Brandenburg gebracht werden. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm laut Berichten unter anderem das Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion, die Störung öffentlicher Betriebe und die Zerstörung wichtiger Arbeitsmittel vor.
Wichtig: Es handelt sich um Vorwürfe. Der Beschuldigte gilt bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung als unschuldig; Luftwacht nennt seinen Namen nicht. Die Hintergründe und die Frage, welche der bundesweiten Funde ihm zuzurechnen sind, sind Gegenstand laufender Ermittlungen. Ermittler hatten in Nordrhein-Westfalen, Brandenburg und Sachsen selbstgebaute Abschussvorrichtungen entdeckt, mit denen offenbar leitfähiges Material auf Hochspannungsleitungen geschleudert werden sollte, um Kurzschlüsse auszulösen. Ein direkter Drohnenbezug der Taten ist bislang nicht berichtet – eingesetzt wurden Drohnen auf der anderen Seite: Die Polizei nutzte sie bei der Suche im Bereich des Hambacher Forsts.
Was die Netzbetreiber verlangen
Der Übertragungsnetzbetreiber Amprion hat nach den Vorfällen ein Positionspapier vorgelegt, über das die „WirtschaftsWoche“ berichtet. Gefordert werden darin unter anderem KI-gestützte Kamerasysteme, Erschütterungssensorik an Mastsockeln und automatisierte Drohnen-Patrouillen an besonders sensiblen Trassenpunkten. Amprion-Chef Christoph Müller sagte der „Rheinischen Post“, Drohnen könnten Leitungen regelmäßig abfliegen und überwachen – das sei bislang nicht erlaubt; der Bund solle solche Überflüge zulassen. Zudem kritisierte er, dass Kameras nur das eigene Betriebsgelände erfassen dürften, nicht das Umfeld. Amprion betreibt nach eigenen Angaben rund 180 Umspannwerke, darunter die zuletzt betroffenen Anlagen in Bergheim und Dormagen.
Hier liegt der eigentliche Nachrichtenkern für die Drohnenpraxis: Es geht nicht um Abwehr, sondern um Betriebsflüge. Routinemäßige, teils autonome Patrouillen über weite Strecken sind luftrechtlich anspruchsvoll – sie fallen in der Regel in die „spezielle“ Kategorie und erfordern Betriebsgenehmigungen des Luftfahrt-Bundesamts, insbesondere bei Flügen außerhalb der Sichtweite (BVLOS). Ob und wie schnell ein vereinfachter Rahmen für KRITIS-Betreiber geschaffen werden kann, ist offen; eine Entscheidung des Bundes liegt nicht vor.
Politische Flanke: Befugnisse und Datenschutz
NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) fordert nach den Angriffen mehr Rechte für Betreiber, ausdrücklich auch bei der Videoüberwachung im Umfeld sensibler Anlagen; die Polizei könne Strom- und Bahnnetze nicht flächendeckend bewachen. Parallel läuft die bereits bekannte Debatte über eigene Abwehrbefugnisse privater Betreiber. Seit dem 17. März 2026 gilt das KRITIS-Dachgesetz mit Anforderungen an die physische Resilienz kritischer Anlagen in zehn Sektoren – konkrete luftrechtliche Erleichterungen für Eigenüberwachung per Drohne enthält es nicht.
Nüchtern betrachtet: Sensorik ersetzt keine Reaktionskette. Detektion ist nur wirksam, wenn Meldung, Bewertung und Eingriff vor Ort belastbar zusammenspielen – bei Sabotage am Boden ebenso wie bei unerlaubten Überflügen.
Was das für Meldende bedeutet
Für Bürgerinnen und Bürger ändert sich nichts an den Meldewegen: Bei akuter Gefahr oder verdächtigen Beobachtungen an Anlagen, Masten oder Trassen gilt der Notruf 110. Die Polizei bat im aktuellen Fall ausdrücklich darum, verdächtige Wahrnehmungen zu melden und etwaige Aufnahmen, etwa von Wildkameras, zur Verfügung zu stellen. Sicherheitsrelevante Ereignisse mit Drohnen im Luftverkehr können zusätzlich über das Meldeportal des Luftfahrt-Bundesamts erfasst werden. Eigene Ermittlungsversuche, das Anfassen unbekannter Gegenstände oder das Aufsteigen privater Drohnen zur „Aufklärung“ sind gefährlich und rechtlich riskant.
Offene Punkte
- Ob der Bund regelmäßige Trassen-Überflüge per Drohne rechtlich erleichtert, ist unentschieden.
- Wie eine Videoüberwachung des Anlagenumfelds datenschutzkonform ausgestaltet werden könnte, ist ungeklärt.
- Die Zuordnung der bundesweiten Funde und mögliche weitere Beteiligte sind Gegenstand der Ermittlungen.
Quellen
- Radio Cottbus, 10.09.2026: Verdächtiger kommt in Untersuchungshaft – radiocottbus.de
- t-online (Aachen), 09.09.2026: Festnahme bei Weisweiler, Haftbefehl – aachen.t-online.de
- WirtschaftsWoche: Amprion fordert Schutzwälle und Drohnenabwehr – wiwo.de
- ad-hoc-news, 05.09.2026: Amprion-Chef zu Drohneneinsatz und Videoüberwachung (nach „Rheinische Post“) – ad-hoc-news.de
- Neue Westfälische: Reul fordert Umdenken bei Videoüberwachung und Drohnenabwehr – nw.de
- ZDFheute, 08.09.2026: Sabotage in Deutschland – Hintergründe der Angriffsserie – zdfheute.de
- Luftfahrt-Bundesamt: Meldung von Ereignissen mit Drohnen/UAS – lba.de
Quellen
- https://www.radiocottbus.de/lausitz-news/2026/09/10/stromnetz-sabotage-bei-jaenschwalde-verdaechtiger-kommt-in-untersuchungshaft/
- https://aachen.t-online.de/region/aachen/id_101425762/strom-sabotage-bei-aachen-haftbefehl-soll-verkuendet-werden.html
- https://www.wiwo.de/politik/deutschland/anschlaege-auf-umspannwerke-amprion-fordert-schutzwaelle-und-drohnenabwehr/100251881.html
- https://www.ad-hoc-news.de/wirtschaft/amprion-chef-christoph-mueller-fordert-nach-angriffen-auf-stromanlagen/70057148
- https://www.nw.de/nachrichten/zwischen_weser_und_rhein/24410540_Videoueberwachung-und-Drohnenabwehr-Reul-fordert-Umdenken-nach-Angriffen-auf-Stromnetz.html
- https://www.zdfheute.de/politik/deutschland/strom-sabotage-hybride-angriffe-russland-100.html
- https://www.lba.de/DE/Drohnen/Allgemeine_Informationen/Meldung_Ereignisse/Meldung_Ereignisse.html
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